Eiserne Ruhr

7 Städte – 7 Tage – 7 Langdistanzen


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Tag Vier – Essen

Was am Ende des dritten Tages absehbar war, schleppte ich – mit Scheuklappen auf den Augen – mit in die Stadt der Krupps. Die angeschlagene Sehne fühlte sich ähnlich zerfasert an im Körper, wie die von Orkan Ela heimgesuchten Wälder am Essener Baldeneysee aussehen. Ab dem frühmorgendlichen Abstoßen vom Beckenrand sind da Schmerzen, die ich aber im Wasser wie ein eingeschnapptes Kind ignorieren kann. Schließlich leisten dort die Arme den Großteil der Arbeit.

Mit dem Wechsel aufs Rad und der steigenden Bedeutung der Beine aber gewinnt der Schmerz die Oberhand und bestimmt all mein Denken und Fühlen. Wie unendlich lang 180 Kilometer erscheinen können, wenn man sie nicht unbeschwert fährt. Die Entscheidung, den abschließenden Marathon abzusagen, fällt mir dennoch schwer. Als ich sie treffe, übermannt mich eine Welle aus Enttäuschung, Scham und Müdigkeit.

Essen (ohne Marathon): 8:45 h

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Tag Drei – Bochum

Die Patellasehne entwickelt sich zur Achillesferse. Kaum sind zwei Drittel des athletischen Tages ungewohnt problemlos vorübergezogen, beginnen ihr Wehklagen und ihre Weigerung, den Weg fortzusetzen. Vier Gewitter hindurch flehe ich sie an, mir den Dienst nicht zu versagen. Mal fallen böse Worte, mal sind sie sanft, aber alles Zureden scheint keine Wirkung zu zeigen. Wie ein beleidigtes kleines Kind hängt sie da im Bein und verschränkt trotzig die Arme.

Ablenkung also, der Versuch, das Heimspiel als solches zu genießen. Immerhin beschwimmfahrlaufe ich heute liebgewonnene Alltäglichkeiten. Aber selbst das eigene Publikum hat sich gegen mich verschworen. Als ich auf Marathonkilometer 40 den finalen Regenguss durchwate und aus den Reihen der Trinkerszene im Park ein „Guck mal, die arme Sau“ vernehme, beschleicht mich das Gefühl, dass es ab jetzt nur noch bergauf gehen kann.

Bochum: 13:16 h


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Tag Zwei – Hagen

Der Kopf tut seltsame Dinge, um einen auf die dunkle Seite zu locken. „Hey du“, flüstert er mit sinistrer Stimme auf Kilometer 120, „wie wäre es mit einem frischen Bier, einer knackigen Bratwurst und einem gemütlichen Sofa?“ Kilometerlang wäge ich Vor- und Nachteile seines Angebots ab, freue mich auf die Feinheiten der kulinarischen Welt und gepolsterte Gemütlichkeiten.

Irgendwann bemerke ich, dass es Müdigkeit ist, die mich einlullt und mir das Aufgeben schönredet. Ein starker Kaffee bei Kilometer 140 jagt sie davon und lässt mich klarer sehen: als Veganer ist mir Fleisch eher Wurst, Bier war ohnehin nie mein Getränk, und das Sofa gehört Hempels. End of discussion.

Hagen: 12:15 h


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Tag Eins – Dortmund:

Mit dem ersten Kraulzug ist mir bewusst, dass ich dieses ausgeruhte, motivierte Gefühl zum letzten Mal in dieser Woche spüren werde. Ich versuche also, das Wasser und die folgenden Strecken so intensiv wie möglich zu genießen. Bis Rad-Kilometer 150 gelingt das. Dann trifft mich aus heiterem Dortmunder Himmel das erste Mental-Tief, becirct mich mit Teufelszungen, flüstert Gibdochaufs und Warumdiehektiks? Ich trete in die Pedale und schüttele es ab. Erst beim Marathon kehrt es zurück, tarnt sich als Patellasehnenansatz und wird zudringlich. Letztlich siegt der Wille, nicht zuletzt dank meines grandiosen Teams, aber bereits Tag Eins ist ein denkbar knappes 1:0, unsicher bis in die Nachspielzeit.

Dortmund: 11:56 h


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Woche 35: Stunde Null

Was kann man tun, wenn man nichts mehr tun kann? Was einst schon die Band Klee umtrieb, beschäftigt auch mich dieser Tage. Kurz vor dem Eintauchen in Etappe 1 habe ich ein athletisches Vakuum erreicht. Jene innere Unruhe an den Tagen vor einem Wettkampf, die Triathleten für gewöhnlich mit Kohlenhydraten in Teigform übertünchen, fehlt dieses Mal allerdings. Wenige Augenblicke vor Stunde Null fühle ich mich ausgeglichen foodsund suhle mich in jener ungreifbaren KarlMayigkeit unmittelbar vor dem großen Abenteuer.

Der Neoprenanzug steht unter Strom wie ein Zitteraal, das Rad scharrt mit frisch bereiften Hufen im Keller und prustet ungeduldig durch die Nüstern aus, die Schuhe warten mit laufendem Motor wie ein Fluchtwagen bei einem Banküberfall. Ein geschätzter Großteil der Ein-Wochen-Verpflegung steht parat und schreit nach Kehle, Magen. Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, lediglich einige Kilo Rote Bete-Blätter, Zucchini, Obst, Kokosöl wollen noch verarbeitet werden.

Mein Bruder, der Chef de Mission, wird in der kommenden Woche an dieser Stelle des Öfteren berichten, hoffentlich nur Erfreuliches. Die schlechten Erfahrungen mögen in einen Mantel schöner Worte gehüllt werden. Bis dahin bleibt mir wenig. Es ist eigentlich der exakte Moment, in dem man nichts mehr tun kann. Es gilt das zu akzeptieren und dann zu starten.

Swim: /
Bike: 49.6 km
Run: 5.3 km
Kraft: /


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Woche 34: „Le dernier kilomètre“

Ich bin auf die Zielgerade der Vorbereitung eingebogen und beim Passieren der Flamme Rouge ins Taumeln geraten. Just auf Höhe jenes roten Wimpels, der bei der Tour de France den finalen Kilometer markiert, hat sich ein Orkan namens Ela seinen Weg über die Trasse gebahnt und allerlei roehreBruchholz hinterlassen. Beim letzten ernsthaften Training einer monatelangen Vorbereitung zu stolpern und sich eine ausgewiesene Bänderdehnung zuzuziehen, hat in der kosmischen Theorie etwas Tragisches. In der Praxis allerdings hat mir mein unglaublicher Unterstützer vacusport in einer sanften Unterdruck-Streicheleinheit jene Beule vom Knöchel gezaubert, in der sich Elas Potential manifestierte. Tragik yourself!

Zwei sportlose Tage später funktioniert bereits das Krafttraining wieder, als wäre das Verletzungstrauma nur dem Alp einer schweißnassen Nacht entsprungen. Wie ferngelenkt breche ich also auf in jene Euphorie-Regionen, die nur das Ende eines funktionierenden Trainingsplans mit sich bringt: diese an Arroganz grenzende Gewissheit über der eigenen Glieder Leistungsfähigkeit, diese ins Übergewichtige gehende Energiedichte jeder einzelnen Körperfaser, diese vom Orgiastischen leihende Vorfreude.

Das dem Ende eines Trainingsplans innewohnende Herunterfahren bedeutet aber auch innere Un-Ruhe, ein an Hyperaktivität grenzendes Zappeln der Gedanken. Sie wissen, dass man ab der Flamme Rouge normalerweise alles gibt und wollen den dernier kilomètre möglichst schnell hinter sich bringen. Um sie im Zaum zu halten, braucht es statt körperlicher Kraft nun also mentale Ausdauer und Geduld. Taumeln stellt ohnehin keine Option mehr dar.

Swim: 4.3 km
Bike: 50 km
Run: 18.3 km
Kraft: 1:20 h


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Woche 33: 3378 kcal später

Die Planung ist komplett, der umfangreiche und intensive Kern des Trainingsplans ebenfalls. Von nun an bis zum Auftakt am 22. Juni werden der Umfang reduziert und nur noch einzelne Tempo-Spitzen gesetzt. Nach dem heutigen 193 km-Ritt habe ich das Gefühl, jede Distanz meistern zu können. Dass dabei nicht nur das letzte athletische, sondern auch die beiden verbliebenen planerischen Fragezeichen beseitigt werden konnten, freut mich umso mehr.

Die Duisburger Etappe – 226 km rund um die Regattabahn ermöglicht dank begeisternder Unterstützung des grandiosen LC Duisburg – erinnerte mich vom ersten Kilometer an die Radstrecke des DUT Emsdetten: mit geschätzt etwa einem Höhenmeter erwartet mich dort ein sechs Kilometer langes, verkehrsarmes High Speed-Rund, wie es besser kaum konstruiert werden konnte. Auch der schattige 5km-Laufkurs paraphrasiert „Top Bedingungen“. Wenn mich unter der Woche Zweifel, Unlust und Widerwillen zu bearbeiten beginnen, kann ich nun die Duisburger Profi-Bedingungen – auch die menschlichen – visualisieren, um mich zu motivieren.

Auf dem Rückweg aus Duisburg ergab sich wie durch Zufall, dass ich inmitten unzähliger dehydrierter TorTour de Ruhr-Teilnehmer über die Mülheimer Rad- und Laufstrecke stolperte. Der so genannte Leinpfad entlang der Ruhr ist ein weiteres Highlight der Woche – flach und in hervorragendem Zustand.

Ein emotionales Zwischenfazit: je näher der Startschuss rückt, desto geringer meine Aufregung und desto größer meine Vorfreude auf jeden einzelnen Tag.

Swim: 5.0 km
Bike: 193.4 km
Run: 53.2 km
Kraft: 1:25 h


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Woche 32: Auftritt Juni

Was einst als natürliche Zahl zwischen elf und dreizehn ersonnen war, zeigt mir nun, dass die Form da sein sollte und an ihr nur noch gefeilt werden kann. Zwölf Trainings liegen jetzt noch vor mir, bei denen Tüpfelchen für die drei Is Schwimmen, Radfahren und Laufen gesucht werden. Dass das allerdings auch jetzt noch ein hartes Stück Arbeit ist, zeigt die kommende Woche, die es in Sachen Umfang und Intensität noch einmal ordentlich in sich hat.

Daher bin ich wirklich dankbar für die zurückliegenden Tage, in denen ich mich ein wenig um all die anderen Teile der Eisernen Ruhr kümmern konnte, die ebenfalls wichtig sind. Streckenchecks, Ernährungsplanung, finale Materialtests, Durchatmen und gefühlte eintausend Stunden auf der Couch. Es wird noch hart genug. Schließlich will ich die drei Is Ende des Monats zu Ausrufezeichen umdrehen, anstatt direkt am zweiten Tag von der Anstrengung eins auf die Zwölf zu bekommen.

Swim: 3.6 km
Bike: 83.1 km
Run: 9.8 km
Kraft: 1:20 h


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Woche 31: Wohlfühl-Mantra gegen’s Scheitern

Die Woche endet mit fünfeinhalbstündigem Koppeltraining und – tags drauf – einer fünfstündigen Radtour über die niederländische Grenze. 265 Rad- und 18 Laufkilometer an zwei sonnigen Tagen, notiere ich in mein Trainings-Heft. Beim Überfahren der gelben Linie ins liliputisch anmutende Dinxperlo, westlich von Bocholt, wird mir die Bildhaftigkeit meines Tuns bewusst. Grenzen überschreiten, darum geht es auch Ende Juni. Nicht in den engen Räumen bleiben, die man sich von seiner natürlichen Behäbigkeit, oder von der Angst vor dem Draußen aufzwingen lässt. An die omnipräsenten Tschakka-Aphorismen auch glauben, anstatt die Sprüche einfach nur zu lesen.

Voraussichtlich wird das Überschreiten der Grenze Ende kommenden Monats nicht so leicht vonstatten gehen wie die Sonntags-Fahrt ins Nachbarland. Dessen bin ich mir natürlich bewusst. Jeder Versuch, etwas Neues zu wagen, impliziert immer ein Scheitern. Wenn ich mich aber von meiner Angst vor dem Scheitern lenken lasse und bereits zurückziehe bevor ich agiere, habe ich bereits Schiffbruch erlitten. Dann bleibt die bestehende Grenze unüberschritten und – viel schlimmer – türmt sich auf zu einem noch größeren Ungetüm als vorher.

Tu es einfach, anstatt immer nur darüber geschrieben zu haben, lautet das Auf-geht’s-Mantra, das ich mir für die „Eiserne Ruhr“ mit auf den Weg gebe. Grenzen existieren viel häufiger in Köpfen als tatsächlich im realen Leben. Die zwischen Bocholt und Dinxperlo war schließlich auch nur eine gelbe, gestrichelte Linie.

Swim: 5.0 km
Bike: 265.3 km
Run: 52.8 km
Kraft: 1:30 h


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Woche 30: Der Status Quo der Umstände

Fünf Wochen vor Beginn der Eisernen Ruhr finden sich Puzzleteile an ihren Stellen ein, fügen sich zusammen, ergeben ein Gesamtbild. Trotz der Lückenhaftigkeit offenbart sich mir eine Struktur. Zu den positiven Elementen des Puzzles zählen die Schwimmbäder. Bis auf eines habe ich mit allen den ersten Teil der jeweiligen Langdistanz ausbaldowert – fast überall wird mir sogar eine eigene Bahn zur Verfügung gestellt. Grandios!

Auch die Radstrecken sind bis auf zwei alle getestet und für gut befunden worden. Auf Höhenmeter konnte ich vielfach verzichten; bislang gefallen mir besonders die „Tempo“-Kurse von Dortmund und Hagen. Ersterer wird sich mir als nahezu autofreier Rundkurs mit frischem, schlaglochfreiem Asphalt präsentieren und hoffentlich genug Lust für den Rest der Woche aus mir herausholen.

Die meisten Unbekannten habe ich noch bei den Laufstrecken zu ergründen. Besonders in den zweiten Teil der Laufwoche wird voraussichtlich ungetestet gestartet, was mir aber bislang keine schlaflosen Nächte beschert hat.

Eine solche habe ich dagegen einem misslungenen Experiment beim Essen – Triathlondisziplin vier – zu verdanken. Auch nach dem xten Versuch über die Jahre, meine alten Erzfeinde Nudeln per Vertilgung gefügig zu formen, musste ich eine Niederlage eingestehen. Auch nach all den Jahren habe ich keinen blassen Schimmer, wie man diese magenverstimmende Elendsnahrung Couscous, Bulgur oder gar Hirse vorziehen kann. Vor jedem neuen Nudel-Experiment rede ich mir aber seltsamerweise ein, die Mehrheit könne nicht irren, so wie die Mehrheit nicht irrt, wenn sie im Frühjahr in südeuropäische Trainingslager tingelt, die CDU wählt oder sich als Anhängerschaft des FC Bayern ausgibt.

Dörflich anmutender Konservativismus lautet von nun an das Credo der Wettkampfplanung in Sachen Ernährung, oder: was der Bauer in der Vergangenheit nicht gefressen hat, frisst er auch Ende Juni nicht. Bei mir meint das in erster Linie den Verzicht auf Nudeln und Kartoffeln. Stattdessen greife ich auf oben genannte Getreide in Kombination mit viel Grün zurück: Mehr gemüse- als obsthaltige Smoothies runden die seit nun geraumer Zeit komplett vegane Ernährung ab.

Swim: 4.3 km
Bike: 215.3 km
Run: 43.7 km
Kraft: 1:26 h